Übergewicht & Adipositas beim Hund

 

Ein paar Kilos zu viel am eigenen Hund sehen für den ein oder anderen vielleicht ganz niedlich aus.

Dieser Extraspeck kann aber tatsächlich richtig gefährlich werden und wird oft vollkommen unterschätzt.

 

Übergewicht – Wo fängt es an, wo hört es auf?

Von Übergewicht spricht man, wenn sich zu viel Fettgewebe im Körper angereichert hat.

 

Natürlich ist ein bestimmter Anteil Fettgewebe wichtig. Immerhin isoliert es den Körper vor Kälte und funktioniert wie ein Airbag für die inneren Organe (wenn z.B. mal wild gespielt wird).

 

Außerdem ist Fettgewebe auch eine sehr nützliche Reserve für Zeiten ohne genügend Futter. Werden allerdings zu viele Reserven angelegt, ist das nicht mehr besonders gesund.

 

Bringt ein Hund 110% seines Idealgewichts auf die Waage, spricht man von beginnendem Übergewicht. 120% gelten als Übergewicht und alles darüber als sogenannte Adipositas: ein massives, krankhaftes Übergewicht.

 

Jetzt wirst Du vielleicht denken: „Ach na ja, 10 oder 20%... das sind bei meinem 10kg schweren Hund ja grad mal 1-2kg! So viel ist das doch gar nicht…“

 

Doch, leider schon!

 

Lass uns das kurz mal auf „Menschenverhältnisse“ umrechnen. Die 7kg zu viel bei einem sonst normalgewichtigen 70kg schweren Mann würde man nicht nur deutlich sehen, derjenige würde die 7kg Extraspeck spätestens beim nächsten Treppensteigen auch deutlich spüren!

 

Wie entsteht Übergewicht?

Ein zu hohes Gewicht entsteht, ganz plump gesagt, durch eine chronisch positive Energiebilanz. Das bedeutet, dass dem Körper des Hundes jeden Tag über einen längeren Zeitraum mehr Energie zugeführt wird, als er tatsächlich verbraucht.

 

Zu viel Energie kann aufgenommen werden durch:

Die sogenannte „Ad-libitum“ Fütterung

Dabei steht dem Hund ständig unbegrenzt viel Futter zur Verfügung an dem er sich nur bedienen muss.

 

Zu hohe Dosiervorschläge von Herstellern für Fertigfutter

 

Unkontrolliertes Füttern

Familienmitglieder könnten den Hund z.B. wissentlich oder auch unwissentlich doppelt füttern. Vielleicht hat der Hund sich auch eine alternative Futterquelle erschlossen, z.B. den freundlichen Nachbarn mit einem Herz für Hunde… und unerschöpflichen Leberwurstreserven.

 

Futterergänzungen

Dazu zählen Leckerlies, Kauartikel, andere Belohnungen, Tischreste, aber auch „das gute Öl fürs Fell“.

 

Zu wenig Energie kann verbraucht werden durch:

 

Bewegungsmangel

Schlafen und die obligatorischen 3 Pipirunden um den Block verbrauchen nicht sonderlich viel Energie.

 

Einen veränderten, geringeren Energiebedarf

Der Energiebedarf ändert sich oft mit dem Alter, einer Kastration oder auch durch Erkrankungen.

 

Übergewicht entsteht aber auch durch die falsche Einschätzung des Ernährungszustandes durch den Besitzer.

Wenn man „zu schwer“ nicht als solches erkennt, wie soll man dann daran etwas ändern?

 

Auch fehlgeschlagene Abnehmversuche können zu noch mehr Übergewicht führen. Das liegt zum einen an dem sogenannten JoJo-Effekt (ja, den gibt es auch bei Hunden) aber auch an Diäten die in Eigenregie mit ungeeigneten Futtermitteln, einer schlechten Strategie und mangelnder Kontrolle durchgeführt wurden.

 

Das sind auch genau die Diäten, die Hunde oft zu bettelnden, nervösen, teils sogar aggressiven und allesfressenden Nervensägen werden lassen.

 

Mittlerweile hat man sogar herausgefunden, dass der Grundstein für Übergewicht schon im Welpenalter gelegt wird.

 

Eine moderate Gewichtszunahme in der Wachstumsphase spielt nämlich nicht nur für das gesunde Längenwachstum der Knochen eine große Rolle.

Es entscheidet auch darüber, wie der Körper des noch kleinen Hundes zukünftig mit über die Nahrung zugeführter Energie umgeht.

 

Welpen, deren Gewicht während der Wachstumsphase immer oberhalb ihrer errechneten Wachstumskurve liegt, haben ein erhöhtes Risiko als erwachsene Hunde ein krankhaftes Übergewicht zu entwickeln.

 

Welche Folgen kann Übergewicht haben?

Mit steigendem Gewicht, steigt auch das Risiko an Diabetes zu erkranken.

 

Häufig leiden betroffene Hunde auch schon vorher an einem sogenannten Prädiabetes. Das ist ein Vorstadium der eigentlichen Erkrankung in welchem die Blutwerte schon auffällig werden, aber noch kein „echter“ Diabetes vorliegt.

 

Ebenso begünstigt Übergewicht Herz-Kreislauf-Beschwerden, Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, Hauterkrankungen, Tumorerkrankungen (z.B. Insulinome und Blasentumore), Erkrankungen der Schilddrüse und Inkontinenz.

 

Das hohe Gewicht führt zu einer starken Belastung des Bewegungsapparates welche dauerhaft zu starken Schmerzen führen kann.

 

Übergewichtige und adipöse Patienten leiden an Kurzatmigkeit, vertragen Hitze weniger gut, haben ein erhöhtes Risiko für Narkosekomplikationen und ihre Lebenserwartung verkürzt sich um 20%.

 

Nochmal, weil es so hart ist: Übergewichtige Tiere haben eine 20% geringere Lebenserwartung als normalgewichtige Tiere!

 


Wenn Dein Hund also theoretisch 15 Jahre alt werden könnte, verliert er

durch Übergewicht ganze 3 wunderschöne Lebensjahre!

 

Das sind:

etwa 3.300 Spaziergänge,

1.095  mal „Gute Nacht, ich hab Dich lieb“-sagen,

3 Sommerurlaube

... das sollte man sich eigentlich nicht entgehen lassen!


Da das jetzt ziemlich traurig war, hier noch eine gute Nachricht:

Leiden Hunde bereits an den Folgen ihres Übergewichts, ist eine Gewichtsabnahme der Schlüssel zu mehr Wohlbefinden!


In 3 Schritten zum Idealgewicht

Wie Du jetzt weißt, kann es auch bei Hunden zu einem sogenannten "Jojo-Effekt" kommen, bei dem nach einer Diätphase noch mehr Gewicht zugelegt wird, als vorher bestand.

 

Damit Du diesen Effekt bei Deinem Hund vermeiden kannst, ist die Planung einer Diät unglaublich wichtig!

 

Gehe dabei am besten in diesen 3 Schritten vor:

1. Schritt: Einschätzung des aktuellen Ernährungszustandes

Um den aktuellen Ernährungszustand einzuschätzen und um festzustellen, ob Dein Hund überhaupt abspecken muss, sollte Dein Hund erst einmal gewogen werden und einen sogenannten "Body Condition Score" (BCS) zugeteilt bekommen.

 

Der Body Condition Score ist eine Art Punktesystem, bei dem der Hund einen bestimmten Score-Wert zugeteilt bekommt. Der Wert wird anhand der Fett- und Muskelverteilung des Hundes ermittelt, als Hilfe finden sich oft Bilder die man mit der Figur seines eigenen Hundes schnell und einfach abgleichen kann.

Quelle: www.wsava.org / Mit einem Klick auf das Bild kommst Du zum Original-PDF

Laut Grafik ist ein BCS-Wert von 5 ideal. Ein BCS von 1-4 würde demnach an einen zu leichten Hund vergeben werden, der BCS-Wert 7 passt auf einen übergewichtigen Hund und krankhaft übergewichtige Hunde mit Adipositas würden einen BCS von 9 bekommen.

 

Ein niedriger BCS zeichnet sich also durch einen sehr geringen Fett- und Muskelanteil aus, ein hoher BCS steht für einen hohen Fettanteil an der Körpergesamtmasse.

 

Kannst Du Deinem Hund einen BCS von 5 zuordnen, besteht an dieser Stelle kein Handlungsbedarf. Energiezufuhr und -verbrauch scheinen sich die Waage zu halten. Passt auf Deinen Hund ein höherer BCS, geht es mit Schritt 2 weiter.

 

2. Schritt: Fütterungsanamnese

„Was frisst mein Hund und in welchen Mengen?“ - Diese Frage darfst Du Dir ab jetzt täglich für den Zeitraum einer Woche stellen.

 

Notiere Dir dazu täglich alles, was der Hund aufnimmt.

 

Dazu zählt nicht nur das tägliche Hauptfutter! Jeder Hundekeks, jeder Kauknochen, jedes Extra (Öl, Joghurt, Pulver,…) muss notiert und mit ausgewertet werden!

 

Das beste Ergebnis erzielst Du, wenn Du die einzelnen Zutaten wirklich exakt abwiegst oder so gut wie möglich beschreibst (z.B. ein kleiner Apfel, 1 Becher Naturjoghurt,…).

Wenn Du nicht allein lebst, vergiss nicht auch Deinen Partner/ Mitbewohner/ Deine Kinder zu fragen, was sie dem Hund täglich regelmäßig, aber auch außer der Reihe füttern!

 

Hast Du diese "Wochenhausaufgabe" erledigt geht es an die Auswertung. Wenn Du rechnen nicht magst, könnte es jetzt etwas unangenehm für Dich werden...

 

Zuerst sollte der Energiebedarf des Hundes ermittelt werden. Damit Du diesen Schritt schnell abhaken kannst, findest Du hier rechts eine PDF-Übersicht mit dem jeweiligen Energiebedarf für so gut wie jeder Gewichtsklasse zum Download.

Aber Achtung: der Energiebedarf bemisst sich am Idealgewicht Deines Hundes, nicht am evtl. aktuellen Übergewicht und ist ausschließlich zur Ermittlung des Energiebedarfs von erwachsenen, gesunden Hunden geeignet!

 

Download
durchschnittlicher Energiebedarf.pdf
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Um den Energiegehalt der einzelnen Lebensmittel herauszufinden, ist der Nährwertrechner eine der zuverlässigsten, kostenfreien Quellen im Internet.

Hast Du die Energie aller Lebens- und Futtermittel addiert kannst Du nun ganz einfach auswerten, ob die zugeführte Energie aus dem Futter auch der tatsächlich benötigten Energie entspricht.

 

3. Schritt: Diätprinzipien

Ein Hinweis vorab:

 

Bitte starte keinen Diät-Selbstversuch wenn:

  • Dein Hund nicht nur leicht übergewichtig ist (also einen höheren BCS als 7 hat)
  • ihr schon ein paar erfolglose Diätversuche hinter euch habt
  • Dein Hund an einer Erkrankung leidet
  • Dein Hund ein Welpe oder Hundesenior ist

In solchen Fällen solltest Du Dich unbedingt beraten, begleiten und einen Diätplan erstellen lassen.

 

Ist Dein Hund hingegen nur leicht übergewichtig, halte Dich an folgende Tipps:

 Steigerung Energieverbrauch

Bewegung, Bewegung und noch mal Bewegung ist das A und O für eine gesunde Figur. Für echte Schwergewichte und Hunde mit Gelenkproblemen eignet sich z.B. das Schwimmen, da es die Gelenke entlastet. Ausdauertraining wie am Fahrrad laufen oder mit dem Besitzer joggen zu gehen, erhöht ebenfalls den Energieverbrauch und baut Muskeln auf. Das Gute an viel Muskelmasse: sie verbraucht selbst in Ruhe noch viel Energie.

 

Bevor Du jetzt aber voller Tatendrang loslegst: Hunde die in der Vergangenheit noch nie mit einer Sportlerkarriere geglänzt haben, sollten schrittweise an die neue Aktivität gewöhnt und das Pensum langsam gesteigert werden!

 

Das könnte z.B. schon die Steigerung vom langsamen Schritttempo in einen phasenweise zackigeren, fleißigen Schritt sein um die Kondition schrittweise aufzubauen.

 

Bei allen Aktivitäten, egal welcher Intensität, ist die Mittagshitze immer zu meiden!

 

Reduktion Energieaufnahme

Die Energieaufnahme lässt sich am besten durch eine restriktive, also kontrollierte, Fütterung einschränken.

Die FDH-Methode („Friss-Die-Hälfte“) ist dafür NICHT zu empfehlen.

 

So wird nämlich nicht nur die Hälfte an Energie, sondern auch nur die Hälfte an Nährstoffen zugeführt. Dabei ist vor allem für den Aufbau der guten, fettverbrennenden Muskelmasse, während der Diät reichlich Protein wichtig. Auch andere Nährstoffe sollten, trotz geringerem Energiegehalt, bedarfsdeckend und ausgewogen zur Verfügung stehen.

 

Nahrungsfasern, wie Cellulose können helfen das Futtervolumen zu erhöhen und so im bestimmten Rahmen ein Sättigungsgefühl beim Hund hervorrufen. Außerdem senken sie die Verdaulichkeit der Energie, was wiederum einen Energie-Spar-Effekt, aber auch eine gesteigerte Kotmenge zur Folge hat.

 

Begleitende Maßnahmen

Um die Motivation bei Mensch und Hund hochzuhalten und dem quälenden Hunger vorzubeugen, eignen sich verschiedene Fütterungstechniken um die Tagesration des Hundes möglichst gut zu strecken.

 

Gemeinsam oder in Gegenwart des Besitzers lässt sich in Spielzeugen verstecktes Futter hervorragend selbst erarbeiten. Dafür eignen sich neben Futterbällen und Kongs auch Gedächtnis- und Intelligenzspiele.

 

Ebenso können Futterfährten an der frischen Luft oder in der Wohnung gelegt werden. Trockenfleisch als Futterbelohnung kann zwar viel Energie haben, weiche Streifen lassen sich allerdings in mikroskopisch kleine Teile zerreißen oder zerschneiden für die auch ein hungriger Hund gern ein paar neue Tricks lernt oder den Futterbeutel apportiert.

 

Idealgewicht – und jetzt? / Aufbau neuer Rituale

Die oben beschriebenen Maßnahmen sollten nicht nur als vorübergehende Diätphase mit besonderer Beschäftigung gesehen werden.

 

Sieh sie als eine Art Neuanfang!

 

Gemeinsam mit Deinem Hund drückst Du die "Reset-Taste" und hilfst ihm, ein gesünderes Leben zu führen. Beweise ihm damit, dass Bewegung Spaß machen kann und Liebe noch viele andere Wege, als nur den durch den Magen kennt!