BARFen ohne Zusätze - alles drin, was der Hund braucht?

Die Fütterung von rohem Fleisch, Innereien und Knochen erfreut sich schon seit Jahren großer Beliebtheit. BARFen gilt als DIE natürlichste und ursprünglichste Ernährungsform für Hunde. Sie wird von vielen als das non-plus Ultra, nicht nur für gesunde, sondern auch für allergische und kranke Hunde empfohlen.

Das besondere: man benötigt keine Zusätze, sondern kann seinen Hund mit rein natürlichen Futtermitteln rundum versorgen. Angeblich.

 

In diesem Artikel stellen wir BARF deshalb auf den Prüfstand:

  • Können alle notwendigen Nährstoffe in ausreichendem Maß gedeckt werden?
  • Kann auf Futterzusätze tatsächlich verzichtet werden?

Legen wir los!

 

Was ist BARF ?

Ein typisches Beutetier besteht zu ~75% aus verdaubaren und zu ~25% auch nicht verdaubaren Anteilen
Ein typisches Beutetier besteht zu ~75% aus verdaubaren und zu ~25% auch nicht verdaubaren Anteilen

Bevor wir gleich gemeinsam in das Thema abtauchen, noch ein kurzer Abriss darüber, was mit „BARF“ überhaupt gemeint ist:

      

"BARF" ist ein Akronym und gilt als Abkürzung für "Bones and raw food" (Knochen und rohes Futter), "Born again raw feeders" (wiedergeborene Rohfütterer) oder "Biologisch artgerechtes rohes Futter".

      

Im Kern dreht es sich also um die Fütterung von naturbelassenen, rohen Futterkomponenten nach dem Vorbild von „Mutter Natur“.

      

Dazu gehören durchwachsenes Muskelfleisch, Innereien, Pansen & Blättermagen, rohe fleischige Knochen, Knorpel und zu einem geringen Anteil auch pflanzliche Futtermittel wie Blattsalate, Gemüse und etwas Obst.

     

Der Gedanke bei der Auswahl dieser Komponenten ist ein ganzes Beutetier möglichst gut „nachzubauen“.

 

Wie funktioniert BARF?

Um für den eigenen Hund einen BARF-Plan zu erstellen, benötigt es nicht viel.

 

Zuerst wird die Gesamtfuttermenge für den eigenen Hund ermittelt.

Hierfür sollen 2-4% des Körpergewichts als Tagesfuttermenge, je nach Aktivität des Hundes, meist ausreichend sein.

 

Bei einem normal aktiven 30 kg schweren Hund käme man so auf eine Futtermenge

von 600 – 1.200g pro Tag.

 

 

Typische Aufteilung nach dem BARF-Prinzip
Typische Aufteilung nach dem BARF-Prinzip

Diese Gesamtfuttermenge wird anschließend nach dem Beutetierschema wie folgt aufgeteilt:

 

70-80% tierische Futtermittel

  • davon 50% fetteres Muskelfleisch
  • davon 20% Pansen & Blättermagen
  • davon 15% Innereien
  • davon 15% rohe, fleischige Knochen & Knorpel

20-30% pflanzliche Futtermittel

  • davon 75% Gemüse & Blattsalate
  • davon 25% Obst

 

Kann BARF allein den Nährstoffbedarf meines Hundes decken?

Um eine möglichst objektive Einschätzung zu erhalten, halte ich mich für meine Nährstoffüberprüfung an ein Wochenplan-Beispiel aus der Broschüre „BARF“ von Swanie Simon.

 

Diese gilt als "Standard-Werk" für jeden BARF-Einsteiger und wird auch fast 20 Jahre nach ihrem Erscheinen in Foren und Facebook-Gruppen immer noch regelmäßig empfohlen.

 

Für einen 30 kg schweren, unkastrierten Hund wird für einen Wochenplan folgende Einteilung vorgeschlagen:

 

Der Futterplan soll außerdem durch die Gabe von 1-2 Teelöffel Lebertran, 1-2 Prisen Meer- oder Kristallsalz und Algen abgerundet werden.

 

Für meine Berechnung verwende ich 2 zusätzliche Teelöffel Dorschlebertran pro Woche, eine Prise Meersalz und 6g Seealgenmehl.

 

Das klingt nun alles erstmal ganz gut - schauen wir uns nun das dazugehörige Nährstoffdiagramm an:

 

 

Die Zahlen der y-Achse geben den prozentualen Anteil der Nährstoffdeckung an, auf der x-Achse befinden sich die überprüften Nährstoffe. (Klick aufs Bild zum Vergrößern!)

 

Der rote, dicke Strich auf Höhe der 100 markiert die zu erreichende Nährstoffdeckung – nämlich 100%.

 

Das Ergebnis ist auf den ersten Blick etwas ernüchternd: Trotz recht vielfältig anmutender Futterzusammenstellung werden deutliche Mängel in der Nährstoffversorgung sichtbar.

 

In diesem Beispiel werden die empfohlenen Bedarfswerte für Kalium (K), Magnesium (Mg), Kupfer (Cu), Zink (Zn), Mangan (Mn), Vitamin D, Vitamin E, Vitamin B1, Vitamin B2 und Pantothensäure (Vitamin B5) nicht erreicht.

 

"Nährstoff-Bedarfswerte gelten nicht für BARFer!"

Nun wird es vielleicht einige geben, die sagen

"Ja Anne, haste ja hübsch gerechnet - aber weißt Du denn nicht, dass die empfohlenen Bedarfswerte der Industrie nicht für frisch gefütterte Hunde gelten?!".

 

Und tatsächlich ist es auch gar nicht so verkehrt, diesen Gedanken in Erwägung zu ziehen!

Immerhin weisen frische Lebensmittel gegenüber stark verarbeiteten häufig eine bessere Verdaulichkeit auf, wodurch auch Nährstoffe besser aufgenommen werden können.

 

Liegt die erreichte Nährstoffversorgung allerdings noch weit unter dem empfohlenen Bedarfswert, kann man sich die Versorgungssituation auch nicht mehr schönreden.

 

Dieser Umstand trifft in diesem Beispiel auf Kalium, Magnesium, Kupfer, Zink, Mangan, Vitamin B1 und Vitamin B2 zu.

 

(Vitamin E habe ich außenvor gelassen, da durch die Gabe eines zusätzlichen Vitamin E-reichen Öls (wie es auch in der Broschüre empfohlen wird) der Bedarf in entsprechender Dosierung mit hoher Wahrscheinlichkeit gedeckt wird.)

 

Was die anderen Nährstoffe angeht, liegen demnach definitiv Mängel vor, welche dringend behoben werden sollten. Andernfalls kann es langfristig zu Problemen kommen.

 

Dabei ist zu beachten, dass ernährungsbedingte Mangelerscheinungen nicht immer sofort auftreten. Häufig kommt es zu ersten Symptomen erst nach Monaten oder Jahren – häufig werden sie dann gar nicht mehr mit der Fütterung in Verbindung gebracht.

 

Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch das Paradoxon, dass sich viele BARFer weigern den wissenschaftlich ermittelten Bedarfszahlen Glauben zu schenken, sich aber an eben diese halten, um die Menge an Seealgenmehl zur Jodversorgung peinlichst genau zu errechnen.

 

Warum „stimmt“ plötzlich der Bedarfswert für Jod, die anderen aber nicht?

 

Warum Du Dich als BARFer trotzdem an den Bedarfswerten orientieren solltest...

 

Weil wir einfach nix anderes zur Orientierung haben!

 

Auch wenn wir in einigen Jahren erfahren sollten, dass die empfohlenen Bedarfswerte keine Punktlandung sein mögen: sie geben uns doch recht zuverlässig Auskunft darüber, welchen Spielraum wir in der Nährstoffversorgung ausnutzen können.

    

„Wie überlebt der Wolf dann?“

 

„Überleben“ ist tatsächlich ein ziemlich gutes Stichwort, denn darum geht es dem Wolf: Überleben und Arterhaltung.

 

Im Gegensatz dazu stehen unsere Hunde. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich hätte es schon gerne, dass mein Hund so mindestens 15 Jahre alt wird… oder 18… und das bei möglichst guter Gesundheit!

 

Neben den verschiedenen Lebenszielen unterscheidet Wolf und Hund auch deren Lebensweise:

Während ein Wolf das ganze Jahr draußen verbringt, seine Beute selbst jagen muss und dabei in nur einer Nacht Strecken bis zu 100 km zurücklegen kann, chillen unsere Hunde mit uns auf dem Sofa, bekommen Extra-Kekse für's lieb sein und sind im Durchschnitt 1-2 Stunden an der frischen Luft unterwegs.

 

Womit wir zu einem weiteren Schwachpunkt dieses Fütterungskonzeptes kommen:

 

Wer sich viel bewegt, muss natürlich auch mehr Nahrung aufnehmen.

Nur so hat der Wolf überhaupt genügend Energie für weitere Jagden und lange Märsche.

 

Während ein Hund also mit einem Körpergewicht von 35 kg einen ungefähren Energiebedarf von 1.400 kcal am Tag hat muss ein 35 kg schwerer Wolf in etwa 5.100 kcal am Tag zu sich nehmen, um sein Leben dauerhaft bestreiten zu können.

 

Damit würde er (nach BARF-Prozenten gerechnet) eine tägliche Futtermenge benötigen, die in etwa 10-21% seines Körpergewichts entspricht.

 

Eine höhere Futtermenge bedeutet dann aber automatisch auch eine höhere Nährstoffaufnahme, womit sogar ein Wolf in der Lage ist mit seiner Ernährung die "Industrie"- Bedarfswerte zu erfüllen - theoretisch.

 

Denn ein Tod durch Verhungern ist unter Wölfen leider keine Seltenheit - ebenso wie eine durchschnittliche Lebensdauer von 5 Jahren.

 

Praktische Fütterung

 Nachdem Dir nun klar geworden sein sollte, dass BARF ganz häufig doch nicht so ausgewogen ist, machst Du am besten einfach folgendes:

 

Errechne Dir für Deinen gesunden Hund ruhig erstmal die Futtermengen nach dem %-Schema.

 

Im Anschluss schwingst Du entweder selbst den Taschenrechner und kontrollierst abschließend die Bedarfsdeckung oder lässt Deinen Wochen- / Monatsfutterplan von einem Ernährungsberater gegenchecken und entsprechend ergänzen.

 

So wird BARFen auch langfristig eine sichere Sache.

 

Übrigens: geeignete Ergänzungen müssen nicht immer künstlich sein! Für viele Nährstofflücken finden sich ausreichend natürliche Alternativen um den Futterplan für Deinen Hund „rund“ zu machen.