Appetitlosigkeit - "Hilfe, mein Hund will nicht fressen!"

 

Es vergeht kaum eine Woche, in der ich keinen Hilferuf zu diesem Thema bekomme.

 

Egal welche Hunderasse, Gewichtsklasse, welches Alter oder welche Fütterungsform - in vielen Hundehaushalten wird gemäkelt, sortiert und verweigert was das Zeug hält!

      

Aus der Verzweiflung heraus, hast Du vielleicht schon vieles probiert: extra leckere Sachen wie Leberwurst zum Futter gegeben oder den Hund auch mal einen oder sogar mehrere Tage komplett hungern lassen. Angeblich sollen Hunde vor einem vollen Napf ja nicht verhungern können.

      

Anstatt weiterhin querbeet alles an Tipps auszuprobieren und am Ende doch zu scheitern, möchte ich Dir eine Option bieten: eine systematische Vorgehensweise zur Ermittlung des Auslösers für die Appetitlosigkeit Deines Hundes. Denn: Futterverweigerung hat immer einen Grund.

      

Wir gehen gleich in sinnvoller Reihenfolge alle möglichen Ursachen für Futterverweigerung durch, so dass Du am Ende den Auslöser für dieses Verhalten finden und bestenfalls bearbeiten kannst.

      

Bevor Du Dir aber die Checkliste ansiehst, schau Dir bitte an wie Hunger entsteht und welche weiteren wichtigen Faktoren die Nahrungsaufnahme von Hunden beeinflussen. Dieses Wissen wird Dir helfen, das Problem mit Deinem Hund möglichst schnell und effizient zu lösen.

 

Wie entsteht Hunger?

Hunger ist ein Gefühl, dass ein Lebewesen zur Aufnahme von Nahrung veranlasst.

 

Es entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die das Hungergefühl auslösen.

 

Der Magen besitzt bestimmte Rezeptoren, die das Gehirn über den „Füllungszustand“ informieren. Ist die Magenwand gedehnt, entsteht ein Sättigungsgefühl. Ist der Magen leer, beginnt er sich zusammenzuziehen (die sogenannten Hungerkontraktionen). Dabei entsteht übrigens auch dieses Geräusch, dass Du sicher von Dir selbst kurz vor der Mittagspause kennst. 

 

Genauso tragen die Informationen des Stoffwechsels einiges zur Entstehung von Hunger bei. Vor allem Glucose, Fettsäuren und deren Abbauprodukte spielen eine wichtige Rolle an dieser Stelle. Sinkt der Blutzuckerspiegel ab, signalisieren Rezeptoren dem Gehirn, dass es sich demnächst mal um die Nahrungsaufnahme Gedanken machen sollte. Dasselbe passiert in der Leber mit den verstoffwechselten Fettsäuren.

      

Die Freisetzung der Pankreashormone Glucagon und Insulin bewirken nachweislich das Eintreten eines Sättigungsgefühls – sie sind praktisch die Gegenspieler des Hungers.

 

Auch die Größe der angelegten Fettdepots eines Lebewesens beeinflusst vermutlich die Nahrungsaufnahme. Vermutet wird, dass der Blutspiegel von Stoffwechselzwischenprodukten wie Fettsäuren und Glycerin die Nahrungsaufnahme beeinflussen.

 

Zusammenfassend könnte man also feststellen: Die Wahrscheinlichkeit der Nahrungsaufnahme und damit eines Hungergefühls steigt, wenn der Magen eines Hundes leer ist, sein Blutzuckerspiegel beginnt zu fallen und keine übermäßigen Energiereserven in Form von Fettdepots zur Verfügung stehen.

 

Welche Faktoren beeinflussen die Nahrungsaufnahme noch?

 

Das Alter eines Hundes ist insofern entscheidend, dass junge Hunde allein schon aus Abenteuerlust in der Regel viel eher gewillt sind auch neue Dinge und Futtermittel aufzunehmen. Im Alter hingegen lassen nicht nur der Sehsinn und das Gehör nach, auch der Geruchssinn ist betroffen. Damit wirkt Futter gleich nur noch halb so attraktiv.

Du kennst es vielleicht selbst von einem Schnupfen: kannst Du die leckere Hühnersuppe nicht riechen, schmeckt sie eben auch nicht sonderlich gut.

 

Genauso ist der allgemeine Gesundheitszustand natürlich eine nicht zu unterschätzende Größe! Nicht nur schmerzende Zähne, auch Zahnfleischentzündungen können dem Hund wahnsinnig weh tun und damit die Laune am Fressen gänzlich verderben. Das gilt genauso für jede andere Erkrankung die mit Schmerz einhergeht. Auch ein Parasitenbefall kann eine mögliche Ursache für Fressunlust sein.

 

Appetitlosigkeit kann auch eine Begleiterscheinung chronischer Erkrankungen sein. Durch die Ansammlung von Schad- und Abbaustoffen im Blut bei einer Niereninsuffizienz, ist vielen Nierenpatienten beispielsweise einfach kotzübel. Ans Fressen ist da nicht zu denken.

 

 Erfahrungsgemäß hat auch die Darmflora einen großen Einfluss auf den Appetit eines Hundepatienten. Eine sogenannte Dysbiose (eine Verschiebung des Gehalts an „guten“ und „potentiell schlechten“ Bakterien im Darm) kann nicht nur zu Bauchschmerzen, Blähungen und zu Durchfällen führen, auch der Appetit nimmt in der Regel stark ab.

 

Viele Hundebesitzer verdrängen außerdem, dass auch Nährstoffmängel zum Verlust des Appetits beitragen können. Diese sind zwar selten, sollten aber unbedingt in Betracht gezogen werden, wenn der eigene Hund lange Zeit mit keinem Alleinfuttermittel oder selbsterstellten Rationen ernährt wurde.

 

Werden Hündinnen läufig oder sind scheinträchtig, verlieren sie oft unter der Einwirkung von Östrogen Appetit. Östrogen wirkt nämlich wie eine richtige Fressbremse. Auch Rüden können in dieser Zeit schwierig mit dem Futter werden – der Stress durch die Anwesenheit einer paarungsbereiten Hündin kann enorm sein und so das Hungergefühl unterdrücken.

 

Stress ist ein gutes Stichwort, denn auch hektische Situationen wie eine immer volle, laute Küche, können dem Hund die Lust am Fressen verderben. Das komplette Gegenteil, aber für einige Hunde ebenfalls sehr stressig: die stille Einsamkeit während des Alleinbleibens.

 

Nicht selten berichten Hundebesitzer, dass ihr Hund nur fressen würde, wenn auch jemand zu Hause ist. Dabei handelt es sich ebenfalls um ein Verhalten das psychogen, also ausgelöst durch Stress und / oder Angst, ist.

 

Andere Hunde im gleichen Haushalt können einerseits ein guter „Appetitanreger“ sein, indem sie den Futterneid heraufbeschwören, andererseits können besonders futterneidische Hunde aber auch enorm viel Stress bei ihren Mitbewohnern auslösen. Ließen wir unserem kleinen Rüden die freie Hand, würde er zuerst unsere (4 mal so große) Hündin von ihrem Futter verdrängen und dieses fressen, um danach auch seinen eigenen Napf noch komplett leer zu putzen.

 

Für feine Nasen kann auch das richtige Essgeschirr bedeutend sein. Billige Plastiknäpfe riechen nach zweimaligem abwaschen für uns vielleicht nicht mehr so penetrant, Dein Hund wird den unangenehmen Plastikgeruch aber noch gut wahrnehmen können.

 

 Bekommt Dein Hund über den Tag verteilt immer wieder viele kleine Futterbelohnungen, leidet auch der Hunger. Der Blutzuckerspiegel wird mal mehr mal weniger (je nachdem mit was belohnt wird) hochgehalten und der Körper muss das Signal „Hunger!“ überhaupt gar nicht an das Gehirn senden.

Dasselbe passiert oft, wenn man es gut meint und Schonkost über lange Zeit in 4 oder sogar noch mehr kleinen Portionen über den Tag verteilt.

Wie soll man Hunger bekommen, wenn man eigentlich die ganze Zeit nur isst?

 

Und selbstverständlich zählt auch ein guter Geschmack des Futters für den Hund, wenn es um die Nahrungsaufnahme geht. Besteht ein Futter immer aus denselben Zutaten ohne jegliche Abwechslung, wird es vielen Hunden einfach zu bunt und sie streiken. Jetzt gibt es Menschen die sagen „Mir egal, das Zeug heißt Hundefutter, also muss der Hund das auch gefälligst fressen!“. Da Du aber auf dieser Seite unterwegs bist und das liest, bin ich absolut davon überzeugt, dass Du nicht zu diesen Menschen gehörst. 😉

 

Ja, Hunde haben einen guten Geschmackssinn.

Viele mögen z.B. Gewürze oder Kräuter an ihrem Futter.

 

Essen darf auch Hunden Spaß machen!

 

Auch die Konsistenz des Futters spielt eine große Rolle: Hunde bevorzugen beispielsweise Nass- oder Halbfeuchtes Futter, anstelle von Trockenfutter.

Gekochte Mahlzeiten werden rohen Mahlzeiten oft vorgezogen, warmes Essen ist beliebter als kaltes und fettreich wird mehr geschätzt als fettarm.

 

 Mit Sicherheit ist Fressen auch eine Erziehungssache. Dieser Aspekt wird meiner Meinung und Erfahrung nach aber viel zu sehr überschätzt!

 

Oft ist genau das zwar der erste Ansatz, oder noch viel eher: der erste Vorwurf den man als Hundebesitzer an den Latz geknallt bekommt, wenn man sich hilfesuchend Rat von anderen Hundefreunden erhofft. Damit zäumt man das Pferd allerdings von hinten auf.

Denn wie Du jetzt weißt, spielen auch eine Reihe anderer Faktoren, die mitunter viel stärker ins Gewicht fallen (wie z.B. die Gesundheit) als die bloße Erziehung, eine bedeutende Rolle.

 

Gute Überleitung, denn:

 

Jetzt geht es endlich an die Problemlösung - So solltest Du vorgehen, wenn Dein Hund sein Futter verweigert:

Schritt 1 - Der Gesundheitscheck

Lass Deinen Hund gründlich (!) von einem Tierarzt untersuchen!

Dazu gehört

  • eine körperliche Untersuchung
  • eine Untersuchung der Maulhöhle und der Zähne (ist Dein Hund ein "Schnappi" notfalls auch unter kurzer Sedation)
  • eine Blutuntersuchung inkl. der Organfunktionswerte (z.B. sogenanntes "geriatrisches Profil") und
  • die Abgabe einer Kotprobe für eine parasitologische, bakteriologische und mykologische Untersuchung.

Je nach Untersuchungsergebnis, wird der Tierarzt Dir die weitere Vorgehensweise erläutern. Sollte tatsächlich eine Organschwäche wie z.B. eine Niereninsuffizienz bei Deinem Hund vorliegen, kann das Allgemeinbefinden und damit auch die Fresslust durch eine entsprechende Diät, je nach Erkrankungsstadium, deutlich gebessert werden.

Alternativ zum Diätfertigfutter, gäbe es auch die Möglichkeit das Futter für den Hund dann selbst zuzubereiten.

 

Optional: die Rationsüberprüfung

Ist das Futter, das Du bisher gefüttert hast

  • nicht ausdrücklich als Alleinfutter gekennzeichnet,
  • bereitest Du das Futter für Deinen Hund schon eine Weile selbst zu und hast es noch nie überprüfen lassen, oder
  • zeigt Dein Hund zeitgleich eine schlechte Fell- und / oder Hautqualität,

lohnt es sich eine Rationsüberprüfung durchführen zu lassen.

 

Dabei wird der Bedarf an Energie und Nährstoffen wie Eiweißen, Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Fettsäuren für Deinen Hund errechnet und mit dem aktuellen Futter abgeglichen. Das funktioniert sowohl mit Fertigfutter, als auch mit BARF- oder gekochtem Futter. So lässt sich schnell ein eventueller Nährstoffmangel ausmachen und beheben.

Schritt 2 - Der Futterplatzcheck

Überprüfe, ob der Hund an seinem Futterplatz sein Futter ungestört und in Ruhe aufnehmen kann.

Teste anstelle eines Plastiknapfes die Fütterung aus einem Edelstahl-, Keramik- oder Melaminnapf.

 

Leben noch andere Tiere, insbesondere Hunde in Deinem Haushalt, probiere doch mal ob sich das Fressverhalten bessert, wenn Du die Hunde für die Fütterung voneinander trennst. Einigen Hunden genügt es, wenn sie „Po zu Po“ gefüttert werden – also jeder beim Fressen in eine andere Richtung schaut.

Andere Hunde fühlen sich erst sicher, wenn sie wirklich räumlich getrennt sind, die Küchentür also z.B. geschlossen ist.

 

In keinem Fall solltest Du Deine Hunde zwingen aus einem Napf oder direkt nebeneinander zu fressen, wenn sie damit offensichtlich Probleme haben!

Schritt 3 - der Mahlzeitencheck

Wie viele Mahlzeiten nimmt Dein Hund zu sich?

Wie viele Futterbelohnungen bekommt er neben den Mahlzeiten?

Hat er den ganzen Tag Zugang zu Futter?

 

Manch einer staunt nicht schlecht, wenn er über 3 Tage mal jeden Keks, Drops und Hundekuchen notiert, der in seinen Hund wandert. Führe ein kleines Futtertagebuch um festzustellen, ob Dein Hund wirklich Probleme mit der Aufnahme seiner Mahlzeiten hat, oder der Appetit aufgrund von Unmengen an Extrakeksen (die Dein Hund sich mit Sicherheit alle verdient hat! ) flöten geht.

 

Alternativ: beschränke Dich bei der Fütterung vorerst auf zwei Mahlzeiten am Tag zu festen Fütterungszeiten. Auch für Futter gilt „Willst Du gelten, mach Dich selten“. Biete es für 20 Minuten an und stelle es danach weg. Füttere weder Futterbelohnungen noch Kauartikel und beobachte, ob sich das Fressverhalten Deines Hundes verbessert.

Schritt 4 - der Geschmackscheck

Nein, Du musst das Futter Deines Hundes jetzt nicht probieren. 😉

 

Teste aber ruhig einmal aus, welche Futtermittel, in welcher Form und Konsistenz Dein Hund bevorzugt.

Tausche z.B. Trockenfutter gegen ein Nassfutter oder ein zuckerfreies, halbfeuchtes Futter aus.

 

Du könntest auch probieren, Deinem Hund selbstgemachtes Futter anzubieten. Gekochtes Futter wird dabei rohem Futter oft vorgezogen.

Und: keine Angst, Du musst keinen Pansen oder andere für Dich vielleicht eklige Dinge kochen!

 

Füttere das Gekochte ruhig auch noch etwas lauwarm, so können die Aromen viel stärker wahrgenommen werden, was wiederum den Appetit anregt.

 

Allein die vielen, verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten von selbstgemachten Futter haben schon so einige Futterverweigerer wieder zu hungrigen Hunden bekehrt.

 

Möchtest Du das Futter für Deinen Hund nicht ausschließlich kochen, teste doch mal wie er auf etwas Gemüse, Obst oder ein paar gekochte Kartoffeln in seinem Trocken- oder Nassfutter reagiert.

Das ist dann nicht nur lecker, sondern liefert im Fall von Gemüse oder Obst auch noch eine schöne Portion gesunder, sekundärer Pflanzenstoffe. Lebensmittel mit einem besonders hohen Gehalt an diesen und anderen gesunden Stoffen, findest Du in meinem Artikel über Superfoods von nebenan für Hunde.

 

Weitere Appetitanreger sind: Pansenmehl, Knochenmehl (-> Achtung, enthält einen ordentlichen Schwung Calcium), Hüttenkäse, Joghurt, Käse, Brühe, Salz und reines Fett.

 

Insbesondere Küchenkräuter geben dem Futter Geschmack, können sich aber auch positiv auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Hundes auswirken. Basilikum, Dill und Petersilie sorgen für eine gute Verdauung, wirken entkrampfend bei Bauchweh und zum Teil auch entzündungshemmend.

 

Thymian und Oregano haben hingegen einen stärkeren Bezug zu den Schleimhäuten der Atemwege, können aber genauso gut auch die Mahlzeiten gesunder Hunde abrunden und geschmacklich aufwerten.

Wichtig:

Bis auf Schritt 1 ist die Reihenfolge, in der Du die Checks vornimmst, egal.

Wichtig ist, dass Du vorab unbedingt den Gesundheitszustand Deines Hundes feststellen lässt!

Ein Hund mit starken Zahnschmerzen wird z.B. selbst das leckerste Futter in einer ruhigen Küche aus einem Keramiknapf nicht fressen wollen.

 

Mit diesen Tipps, kommst Du hoffentlich ein ganzes Stück weiter und kannst Deinen Hund Schritt für Schritt wieder an die regelmäßige Futteraufnahme gewöhnen.